Auf dem Weg zum gemeinsamen Sport

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Zwei Top-Athleten beim Nikolaus-Lehrgang: Tobias Dahm, Teilnehmer an den Olympischen Spielen in Rio und Paralympics-Sieger Niko Kappel



Der 44. Nikolauslehrgang hat am vergangenen Samstag (10. Dezember) eines gezeigt: Das Thema Inklusion weckt Interesse. Bei Trainern, Übungsleitern und Sportlern, aber auch den (über-)regionalen Medien. Einmal mehr hat das Gmünder Leichtathletik-Urgestein Fred Eberle gezeigt, dass er in seiner Themenauswahl ein besonderes Fingerspitzengefühl hat. 150 Teilnehmer folgten dem Seminar in Theorie und Praxis.

Schon der Auftakt beim DLV/WLV-Fortbildungsseminar am Samstag war ein besonderer. Der von Heike Bareiß geleitete Schulchor der Klosterbergschule „Tiramisu“ zeigte mit einer musikalischen Weihnachtsreise eindrucksvoll die Verbindung zwischen behinderten und nichtbehinderten Menschen auf. Fred Eberle stellte den Chor vor und verwies auf die langjährige Kooperation zwischen der Leichtathletik und der Schule für junge Menschen mit geistigen und körperlichen Behinderungen.

Unter dem Motto „Vom Leistungssport zur Kinderleichtathletik“ beleuchtete Eberle in seinem Eingangsvortrag die pädagogischen Konzepte zum Werfen im Spiegel der Inklusion. Zu beachten sind in diesem Kontext die Komponenten der Leistungsentwicklung und der Regelkreis Leichtathletik, der aus den Rubriken Körper, Technik, Gefühl, Nahrung, Umwelt und Zeit besteht. Laut Eberle gibt es in Württemberg mittlerweile mehrere Vereine, die auf dieser Grundlage ein gemeinsames, inklusives Training anbieten und umsetzen. Er reflektierte auch die Geschichte des heutigen Behindertensports, der nach dem Krieg mit dem Versehrtensport von geschädigten Soldaten begann und 1972 in die ersten Weltspiele der Behinderten mündete, einem Vorläufer der Paralympischen Spiele. Als beeindruckendes Beispiel einer erfolgreichen Karriere im Behindertensport nannte Eberle Marianne Buggenhagen. Sie ist seit dem 23. Lebensjahr auf den Rollstuhl angewiesen und gewann bei fünf Paralympics neun Goldmedaillen.

Aufgrund des in der vergangenen Woche veröffentlichten McLaren-Berichtes war auch das Thema Doping präsent. Die anwesenden Sportler kritisierten mit deutlichen Worten, dass sich Deutschland und auch der Präsident des IOC, Thomas Bach, nicht eindeutig von Doping und dem offensichtlich flächendeckenden Systemdoping in Russland distanziert haben. Lediglich der Paralympische Verband schloss russische Sportler komplett von den Paralympics aus. Kritisiert wurde auch, dass sogenannte vom Doping verseuchte Sportarten bei der Sportförderung weniger berücksichtigt werden sollen. „Was können wir Werfer und Kugelstoßer dafür, dass russische Sportler diese Sportarten verseuchen?“, fragte unter anderem der Olympiateilnehmer und deutsche Meister Tobias Dahm.

Bei aller notwendigen Theorie mit dem WLV-Stützpunkttrainer Peter Salzer ging es in die Praxis. In einer Demonstration veranschaulichte der Wurf-Trainer seine Arbeit mit behinderten und nichtbehinderten Spitzensportler am Beispiel Kugelstoßen. Dabei arbeiten alle mit dem gleichen Kugelgewicht, egal ob der 1,40 Meter große Niko Kappel oder sein Teamkollege Tobias Dahm mit 2,03 Metern.

In einem Kurzreferat beleuchtete Fred Eberle nach der Mittagspause die Frage, welche Kompetenzen ein inklusiver Trainer mitbringen muss. „Dieses Thema ist sehr weitreichend, da neben der fachlichen Kompetenz noch einiges mehr gefordert ist. Soziale, personale Kompetenz ist für eine erfolgreiche Arbeit unabdingbar.“ Auch der Umgang mit neuen und traditionellen Medien sei ein wichtiges Thema. „Ein inklusiver Trainer muss Kompetenzen in der Didaktik, Rhetorik, der Organisation, aber auch im Umgang mit den Medien mitbringen“, so das Fazit des DLV/WLV-Vizepräsidenten Lehre, Bildung und Wissenschaft.

Unter dem Motto „Werfen für alle – Wurferlebnisse statt Wurfergebnisse“ zeigte Jutta Bryxi mit ihrem Team, dass vielfältige und inklusive Wurfsituationen nicht nur mit Sportgeräten wie der Kugel oder dem Diskus zu vermitteln sind. Sondern auch mit simplen Papiertaschentücher-Päckchen als Einstieg in Wurf-Erlebnisse. Wer hätte vor dem 44. Nikolaus-lehrgang an diese Materialien gedacht?

Das Fortbildungsseminar war einmal mehr für alle Teilnehmer ein voller Erfolg. Das eingespielte Team um Fred Eberle, Jutta und Lena Bryxi, Peter Esenwein, Eric Schmid, Thomas Weinöhrl sowie Stützpunkttrainer Peter Salzer machte das Thema Inklusion zu einem besonderen. Für junge Sportler zählt der Wille zum Erfolg.

Podiumsdiskussion zur Inklusion beim 44. Nikolauslehrgang

Bei der von Ewald Walker moderierten Podiumsdiskussion haben junge Sportler beim Nikolauslehrgang gezeigt, dass ihnen die Wege in der Inklusion und nicht die Wege zur Inklusion wichtig sind. Der Wille zum Erfolg eint, da spielen Kleinwuchs oder der Rollstuhl keine Rolle.

Der 1,40 Meter große Spitzensportler und Goldmedaillengewinner bei den diesjährigen Paralympics in Rio de Janeiro, Niko Kappel, bestätigte dies mit deutlichen Worten. Bonsai, wie Kappel nicht nur in der Trainingsgruppe von WLV-Trainer Peter Salzer heißt, freute sich auch, dass mit dem Gewinn seiner sensationellen Goldmedaille in Rio die Medienwelt auf die paralympischen Sportler aufmerksam wurde. „Das ist in anderen Ländern teilweise schon anders. Mein polnischer Rivale kann anders als ich von seinem Sport leben, ist Vollprofi. Ich selbst arbeite 50 Prozent bei einer Bank, die mich für den Sport unterstützt.“ Kappel hat schnell erkannt, dass sich der mediale Höhenflug schnell verflüchtigt und der sportliche Alltag ihn eingeholt hat. Schließlich ist es sein erklärtes Ziel, mit starken Leistungen bei der Leichtathletik-WM in London mit dabei zu sein.

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Die Trainingsgruppe von Peter Salzer

Seine Trainingskameraden, die Olympiateilnehmer diesen Jahres, Lena Urbaniak und Tobias Dahm sowie die große Kugelstoß-Nachwuchshoffnung für Tokio 2020, Alina Kenzel, schilderten mit deutlichen Worten, dass Kappels Behinderung, der Kleinwuchs, zu keiner Zeit ein Thema war. „Es tun sich eher nichtbehinderte Sportler schwer, mit behinderten Kameraden umzugehen als umgekehrt. Niko ist bei uns nichts Besonderes, er gehört mit seiner fröhlichen Art einfach dazu. Er hat uns die Integration ins Team leichtgemacht. Wir gehen im Team auch keinen Weg zur Inklusion, sondern wir sind auf dem Weg in der Inklusion.“

Auch Tobias Dahm wählte deutliche Worte. „Bei uns wird die Integration gelebt. Top-Leistungen bringen zu wollen, das alleine zählt. Wir haben unseren Bonsai ins Herz geschlossen. Wir verstehen uns, tauschen uns aus. Nikos Leistungen in diesem Jahr zeigen, dass er zurecht zu den Besten der Welt gehört“, so Dahm. Alina Kenzel fügte hinzu: „Wir pushen uns gegenseitig, auch wenn jeder seinen eigenen Trainingsplan und seinen eigenen Rhythmus hat. Motivation, aber auch mal ein deutliches Wort, gehören dazu.“

Bericht mit freundlicher Genehmigung der Rems-Zeitung
 
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