EM 1986 - Überschrift

  29.04.2021
EM 1986 - Teaser

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Die EM 1986 aus der Sicht von...

Initialzündung für eine Leichtathletik-Karriere

Für Norbert Brenner, Leitender Direktor Administration des DLVs, war die Leichtathletik-EM Initialzündung für eine beeindruckende Karriere in der deutschen Leichtathletik. Schon während seines Studiums der Sportwissenschaften in Köln und Sportrecht/Sportverwaltung in Bayreuth hatte er ein Praktikum beim DLV absolviert. Mit dem Abschluss in der Tasche bewarb er sich als Assistent des DLV-Generalsekretärs Heiner Henze und stieg in dieser Funktion im Februar 1986 in die heiße Phase der Event-Organisation ein.

„Im Prinzip war das der Startschuss für meinen weiteren beruflichen Weg“, sagt er, heute selbst stellvertretender Generaldirektor und DLV-Referatsleiter Finanzen & Personal und Administration. „Zu einigen der Kollegen von damals habe ich heute noch Kontakt.“ Darunter auch Heiner Henze, sein damaliger Vorgesetzter und bis heute Mentor.

Wichtigstes Sportereignis in Deutschland

Neben seiner Assistentenfunktion war er operativ in die Bereiche Ehrenkarten und Ticketing in enger Abstimmung mit der Stadionverwaltung eingebunden. Unter den Platzierten auf der Ehrentribüne befanden sich hochrangige Regierungsmitglieder und Abgeordnete aus Bund und Land, Stuttgarts Oberbürgermeister Manfred Rommel als Hausherr, IAAF-Präsident Promo Nebiolo und sogar Bundespräsident Richard von Weizsäcker, der als Schirmherr der Veranstaltung die EM besuchte. „Das hatte durchaus auch eine politische Komponente, denn die Leichtathletik-EM war 1986 die wichtigste Sportveranstaltung im geteilten Deutschland. Der BRD war deshalb wichtig gegenüber der DDR zu dokumentieren, wie gut die Veranstaltung organisiert war.“

Wie das so ist bei den Akteuren im Hintergrund: Von den Wettkämpfen selbst bekommt man wenig mit: „Während der Veranstaltung konnte ich schon immer mal wieder ins Stadion. Oft haben wir aber während der Wettkämpfe die Eintrittskartenerlöse der Tageskasse abgerechnet“, berichtet Norbert Brenner. Denn: 1986 lief das noch nichts elektronisch ab. Es war alles Handarbeit. Man kann sich das im Vergleich zu heute, dem Zeitalter der elektronischen Medien nicht mehr vorstellen.

Elektronische Neuerung: das Fax!

„Klar hat mal jemand angerufen, es kamen aber auch Briefe mit Ticket-Bestellungen an oder die Leute kamen persönlich vorbei. Ein Highlight war immer, wenn wir ein Fax empfangen haben. Das Übertragen einer Seite hat etwa 2 Minuten gedauert!“ Mit dem 26. April 1986, Tag der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl, hatte das OK ab sofort auch die Auswirkungen der Reaktorexplosion im Blick. „Eine Absage stand nicht im Raum, aber natürlich musste man den weiteren Verlauf im Auge behalten.“

Zum Glück beeinflusste das Ereignis die EM Ende August 1986 nicht mehr. Von groß bis klein, alle waren dabei: „Sehr gut gelaufen die Mehrkämpfe vormittags; dazu hatten wir eine große Schulaktionen mit Schülerinnen und Schüler gestartet, die vormittags die Wettkämpfe im Stadion verfolgen durften. Diese Idee entstand aus einer engen Zusammenarbeit mit dem Kultusministerium heraus und wird heute noch bei vielen großen Meisterschaften so umgesetzt.“

50.000 Zuschauer im Stadion und ein orangefarbener Käfer davor

Sein persönliches Highlight? „An letztem Tag waren fast 50.000 Zuschauer im Stadion – das Gefühl, daran einen Anteil zu haben, ist schon stark“, erzählt Brenner. „Und ich erinnere mich auch gut daran, wie der Bundespräsident von Weizsäcker bei seiner Ankunft auf dem Parkplatz P1 an meinem verbeulten orangfarbenen Käfer vorbeigelaufen ist. Das habe ich aus dem Fenster beobachtet und das war einfach was besonderes.“

Eine weitere historische Situation erlebte Norbert Brenner im Vorfeld der EM mit: Die Uni wurde für diesen Zeitraum als Unterbringung für die ausländischen Mannschaften genutzt. Die Gast-Delegation aus der DDR hatte sich zur Besichtigung im Vorfeld angekündigt: „Der Generalsekretär und der Cheftrainer kamen und haben sich alles angeschaut. Beim Spargelessen abends ist der erste Länderkampf BRD gegen DDR zwischen den Generalsekretären auf den Weg gebracht worden. Und ich saß am Katzentisch und war live dabei!“

Auch wenn von der EM bis heute geschwärmt wird – finanziell war es aus WLV-Sicht weniger ertragreich. Es hat einige Jahre gedauert, bis der Minusbetrag wieder ausgeglichen werden konnte. Der internationale Imagegewinn für den Standort Stuttgart mit dem Neckarstadion und der Hanns-Martin-Schleyerhalle sowie für den WLV als Organisator war aber sehr nachhaltig, da bereits 1991 die WM 1993 an den DLV mit Stuttgart und dem WLV vergeben wurde.

„Ich habe meinen Dienst als Bürgermeister für Sport und Verwaltung der Stadt Stuttgart am 1.1.1980 angetreten. Frisch im Amt kündigte mir mein Vorgänger an, dass mich eine der ersten Reisen gleich nach Paris führen würde. Beim Europäischen Leichtathletik-Verband sollte ich zusammen mit Oberbürgermeister Manfred Rommel unser Konzept für die Ausrichtung der Leichtathletik-EM 1984 vorstellen, das war natürlich gleich eine große Sache. Vor Ort lernten wir im Vorzimmer die finnischen Kollegen kennen, welche damals für die Präsentation der ersten Leichtathletik-WM 1983 in Helsinki angereist waren.“

Deutschlands erste Farb-Video-Tafel fürs Neckarstadion

„Dort war ich dann auch vor Ort, um die Ausrichtung dort zu begutachten und für unsere Meisterschaften ein Jahr später Werbung zu machen. Dabei ist mir die große Farb-Videoleinwand aufgefallen, die die Finnen im Stadion hängen hatten und ich habe gedacht: So was brauchen wir auch!“ Ein Kollege hat die Tafel dann über Sponsorenleisten finanziert bekommen und tatsächlich hatten wir dann als erstes deutsches Stadion so eine riesige Farb-Videotafel im Neckarstadion hängen! Das war damals schon etwas Tolles und ist auch dem OB Rommel zu verdanken, der die Leinwand mitgetragen hat.

Diese Neuerung hat sicher auch das Stuttgarter Publikum beflügelt. Dennoch muss man sagen: die Zuschauerinnen und Zuschauer, die waren für uns damals die nächste große Überraschung. Man hatte sich in Stuttgart nicht vorstellen können, wie so eine große Veranstaltung angenommen werden würde. Bis dahin hatte die Stadt sich in Sachen Sport vor allem in der Vereinsförderung engagiert. Das sportliche Engagement über die Ausrichtung einer internationalen Meisterschaft den Bürgern näherzubringen, das war etwas Neues. Umso toller war, dass die Veranstaltung unglaublich positiv in der Bevölkerung ankam. Der Ruf von Stuttgart als Sportstadt rührt wohl von diesem Ereignis.“

La-Ola oder „Schwabenwelle“

Neben der Videotafel hat sich im Rahmen der EM eine weitere Neuheit von Anfang der 80er Jahre etabliert, die heute von großen Sportveranstaltungen nicht mehr wegzudenken ist: die La Ola-Welle. Wo genau diese erfunden wurde, dazu gibt es verschiedene Angaben. In Stuttgart jedenfalls war es eine der ersten großen Zuschauer-Wellen, die sogenannte ‚Schwabenwelle‘, die durchs volle Stadion rollte und die auch IOC-Präsident Juan Antonio Samaranch mitriss.

„Beeindruckt von dieser Begeisterungsfähigkeit des Stuttgarter Publikums gab es vom Internationalen Olympischen Komitee sogar eine Auszeichnung für diese einzigartige Veranstaltung, nämlich den ‚Olympic Cup‘ für unseren aktiven Beitrag zur Entwicklung des Olympischen Gedankens.“

„Be happy and pay the deficit”

„Auch von den Vorbereitungen gibt es eine nette Anekdote zu erzählen: IAAF-Präsident Primo Nebiolo war zum Empfang im Schlossgartenhotel geladen. Manfred Rommel, der die Finanzen immer im Blick hatte, äußerte ihm gegenüber, dass die Veranstaltung ja schon ganz schön viel Geld kostete. Nebiolo konterte trocken: „Be happy and pay the deficit.“ Diese Aussage wurde zum geflügelten Wort im Stuttgarter Rathaus, wann immer es um Finanzen ging.
Im Rahmen der EM gab es zahlreiche Empfänge, aus denen dann auch Bemühungen um weitere Sportveranstaltungen entstanden, beispielsweise die Olympia-Bewerbung. Für Absprachen hinsichtlich dieser reiste ich mit Manfred Rommel nach Genf, zu IOC-Präsident Juan Antonio Samaranch. Seine Aussage dazu: „Why not?“ Auch dieser Satz blieb in guter Erinnerung und etablierte sich als Spruch in Stuttgart.

Aus der Bewerbung wurde dennoch nichts – aufgrund der politischen Lage zogen die Stuttgarter ihre Bewerbung im Verfahren zurück. Dennoch ist etwas geblieben: Das im Zuge der Olympia-Bewerbung gegründete Regional-Büro war die erste Vertretung aller Regionen in der Umgebung, aus dem sich dann die Region Stuttgart gründete. Sport legte also auch hier den Grundstein für ein gesellschaftliches Zusammenwachsen.“