Die Leichtathletik-EM 1986: alle Erwartungen wurden übertroffen
  29.04.2021 •     WLV , Top-News WLV , 70 Jahre WLV


Die 14. Leichtathletik-Europameisterschaften fanden vom 26. bis zum 31. August 1986 in Stuttgart statt. Die erstmals in Deutschland ausgerichteten Meisterschaften waren nach dem Europapokal-Endkampf 1965 und dem Erdteilkampf 1969 abermals eine Premiere und Höhepunkt im Stuttgarter Neckarstadion.

„Alle Erwartungen wurden übertroffen“ lautete das Fazit des damaligen WLV-Präsidenten Karl Mangold. Die Europameisterschaften in Stuttgart übertrafen alles bisher Dagewesene. Annähernd 1.100 Aktive aus 32 europäischen Ländern nahmen in Stuttgart teil. Rund 1.800 Vertreter von Presse und Fernsehen aus 41 Ländern waren anwesend. Etwa 300.000 begeisterte Zuschauer in 10 Veranstaltungsabschnitten an 6 Leichtathletiktagen mit über 40 Stunden Live-Übertragungen des Fernsehens in der Bundesrepublik – das waren Zahlen, die bislang bei einer Veranstaltung dieser Größenordnung nicht auch nur annähernd erreicht wurden.

Eine Woche vor der EM tagte in Stuttgart erstmals der internationale Kongress der IAAF mit 350 Vertretern aus 110 Ländern. Die Eröffnung durch den damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl unterstrich die Bedeutung dieses IAAF-Kongresses.

Kurz: es war eine Europameisterschaft der Superlative. „Feiertage für Europa“ titelte eine Zeitschrift. Die schwäbische „LaOla“-Welle wurde hier geboren und vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) mit dem „Olympic-Cup“ ausgezeichnet. Die Zuschauer feierten die Athleten ohne Rücksicht auf ihre Nationalität.

Hinter manchen Leistungen steht aufgrund damaliger Dopingpraktiken allerdings ein Fragezeichen. Ein Schlaglicht auf das Bewusstsein für die Doping-Problematik in damaliger Zeit wirft die Tatsache, dass das Council des Europäischen Leichtathletik-Verbandes den Chef-Mediziner des Leichtathletik-Verbandes der DDR Manfred Höppner zum Anti-Doping-Delegiert für die EM in Stuttgart berufen hatte. Derselbe Höppner, der im Jahr 2000 als zentrale Figur des Staatsdopings der DDR vor dem Berliner Landgericht zu 18 Monaten Gefängnis auf Bewährung verurteilt wurde.

Insgesamt vier Weltrekorde wurden aufgestellt. Der kurioseste am Mittwochmorgen. Fatima Whitbread (Großbritannien) warf in der Quali, als noch nicht viele Zuschauer im Stadion waren, den Speer auf 77,44 Meter. Jurij Sedych (UdSSR) warf mit dem Hammer den bis heute gültigen Weltrekord von 86,74 Meter. Die Sowjetrussin Marina Stepanova lief die 400 Meter Hürden in 53,32 Sekunden. Dazu gab es noch einen neuen Europarekord über 110 Meter Hürden der Männer. Der Franzose Stéphane Caristan steigerte die alte Bestmarke im Halbfinale auf 13,28 Sekunden und nochmals im Finale auf 13,20 Sekunden.

Ja und dann Heike Drechsler. Die DDR-Ikone holte zweimal Gold (Weitsprung: 7,26 m) und egalisierte über 200 Meter in 21,71 Sekunden den Weltrekord. Außerhalb des Neckarstadions bewegte sie sich zwischen Athletendorf in Vaihingen und dem Stadion völlig frei – das war man von DDR-Athleten nicht gewohnt. Im selben Jahr zog sie dann auch in die Volkskammer der DDR ein.

29 Medaillen für die DDR und „nur“ elf für den DLV – die sportlichen Machtverhältnisse wurden in Stuttgart bestätigt. Marlies Göhr holte über 100 Meter (10,91 sec) und mit der Staffel ihre vierte und fünfte EM-Goldmedaille. Marita Koch (SC Empor Rostock) gewann ein Jahr nach ihrem bis heute gültigen 400 Meter-Weltrekord (47,60 sec) in Stuttgart ihre sechste EM-Goldmedaille. Nur wenige Kilometer neben seinem Geburtsort Vaihingen/Enz wurde Geher-Olympiasieger Hartwig Gauder (SC Turbine Erfurt) Europameister über 50 Kilometer.

Held der EM von Stuttgart aber wurde ein ganz anderer. Harald Schmid (TV Gelnhausen) rannte an jenem Donnerstagabend im Regen zu seinem fünften EM-Titel. „Es kommt weniger auf die Taktik an als auf die Einstellung und den Geist“, offenbarte der Europameister sein Geheimnis.

84,76 Meter leuchteten andernorts auf der Anzeigetafel. Es war die Weite für Speerwerfer Klaus Tafelmeier (Bayer Leverkusen). Der erste Europarekord mit dem neuen Speer und Europameister – eine Sensation. Für den DLV blieben die Goldmedaillen für Schmid und Tafelmeier. Dass die Europameisterschaften bei ihrer Premiere auf deutschem Boden dennoch zu einem so großartigen Fest der Leichtathletik wurden, spricht für den Geist im Ländle.

Auch die württembergischen Athletinnen und Athleten trugen dazu bei, die „LaOla“-Welle ins Rollen zu bringen. Das Saisonziel des damaligen WLV-Sportwarts Hans Jooß, mit mindestens 10 Aktiven vertreten zu sein, wurde sogar übertroffen; es waren 14 Württembergerinnen und Württemberger, die in das deutsche EM-Team berufen wurden.

Text: WLV / Ewald Walker

 

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Das WM-Tagebuch von Dr. Hanspeter Sturm

Ein Rückblick auf die Leichtathletik-Europameisterschaften 1986 in Stuttgart mit vielen Fotos und Anekdoten, entnommen aus dem Jahrbuch 1986 des WLV.

Der Autor: Dr. Hanspeter Sturm (1930 – 2011) war nicht nur 17 Jahre als Polizeipräsident bei der Landespolizeidirektion Stuttgart Chef aller Polizeibeschäftigten im Regierungspräsidium Stuttgart, sondern auch Macher der Leichtathletik bei Salamander Kornwestheim. Unzählige deutsche Meister-Titel gewannen die „Lurchis“ unter seiner 55-jährigen Ägide als Vereinschef, zahlreiche Olympia- und EM-Teilnehmer trugen das Salamander-Trikot. Seinen Führungsstil in diesen 55 Jahren bezeichnete Hanspeter Sturm selbst als „Demokratur“.

Zudem war er als Presseberichterstatter aus der Leichtathletik unter den Kürzeln „stu“ bzw. „hps“ über viele Jahrzehnte auch für die Medien aktiv.

Als Stuttgarter Polizeipräsident arbeitete er nach der Wiedervereinigung beim Aufbau des Freistaats Sachsen mit. Für seinen außergewöhnlichen Einsatz erhielt er das Bundesverdienstkreuz, den Goldenen Verdienstorden des Landes Baden-Württemberg und das Ehrenschild des Deutschen Leichtathletik-Verbands.

Initialzündung für eine Leichtathletik-Karriere

Für Norbert Brenner, Leitender Direktor Administration des DLVs, war die Leichtathletik-EM Initialzündung für eine beeindruckende Karriere in der deutschen Leichtathletik. Schon während seines Studiums der Sportwissenschaften in Köln und Sportrecht/Sportverwaltung in Bayreuth hatte er ein Praktikum beim DLV absolviert. Mit dem Abschluss in der Tasche bewarb er sich als Assistent des DLV-Generalsekretärs Heiner Henze und stieg in dieser Funktion im Februar 1986 in die heiße Phase der Event-Organisation ein.

„Im Prinzip war das der Startschuss für meinen weiteren beruflichen Weg“, sagt er, heute selbst stellvertretender Generaldirektor und DLV-Referatsleiter Finanzen & Personal und Administration. „Zu einigen der Kollegen von damals habe ich heute noch Kontakt.“ Darunter auch Heiner Henze, sein damaliger Vorgesetzter und bis heute Mentor.

Wichtigstes Sportereignis in Deutschland

Neben seiner Assistentenfunktion war er operativ in die Bereiche Ehrenkarten und Ticketing in enger Abstimmung mit der Stadionverwaltung eingebunden. Unter den Platzierten auf der Ehrentribüne befanden sich hochrangige Regierungsmitglieder und Abgeordnete aus Bund und Land, Stuttgarts Oberbürgermeister Manfred Rommel als Hausherr, IAAF-Präsident Primo Nebiolo und sogar Bundespräsident Richard von Weizsäcker, der als Schirmherr der Veranstaltung die EM besuchte. „Das hatte durchaus auch eine politische Komponente, denn die Leichtathletik-EM war 1986 die wichtigste Sportveranstaltung im geteilten Deutschland. Der BRD war deshalb wichtig gegenüber der DDR zu dokumentieren, wie gut die Veranstaltung organisiert war.“

Wie das so ist bei den Akteuren im Hintergrund: Von den Wettkämpfen selbst bekommt man wenig mit: „Während der Veranstaltung konnte ich schon immer mal wieder ins Stadion. Oft haben wir aber während der Wettkämpfe die Eintrittskartenerlöse der Tageskasse abgerechnet“, berichtet Norbert Brenner. Denn: 1986 lief das noch nichts elektronisch ab. Es war alles Handarbeit. Man kann sich das im Vergleich zu heute, dem Zeitalter der elektronischen Medien nicht mehr vorstellen.

Elektronische Neuerung: das Fax!

„Klar hat mal jemand angerufen, es kamen aber auch Briefe mit Ticket-Bestellungen an oder die Leute kamen persönlich vorbei. Ein Highlight war immer, wenn wir ein Fax empfangen haben. Das Übertragen einer Seite hat etwa 2 Minuten gedauert!“ Mit dem 26. April 1986, Tag der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl, hatte das OK ab sofort auch die Auswirkungen der Reaktorexplosion im Blick. „Eine Absage stand nicht im Raum, aber natürlich musste man den weiteren Verlauf im Auge behalten.“

Zum Glück beeinflusste das Ereignis die EM Ende August 1986 nicht mehr. Von groß bis klein, alle waren dabei: „Sehr gut gelaufen die Mehrkämpfe vormittags; dazu hatten wir eine große Schulaktionen mit Schülerinnen und Schüler gestartet, die vormittags die Wettkämpfe im Stadion verfolgen durften. Diese Idee entstand aus einer engen Zusammenarbeit mit dem Kultusministerium heraus und wird heute noch bei vielen großen Meisterschaften so umgesetzt.“

50.000 Zuschauer im Stadion und ein orangefarbener Käfer davor

Sein persönliches Highlight? „An letztem Tag waren fast 50.000 Zuschauer im Stadion – das Gefühl, daran einen Anteil zu haben, ist schon stark“, erzählt Brenner. „Und ich erinnere mich auch gut daran, wie der Bundespräsident von Weizsäcker bei seiner Ankunft auf dem Parkplatz P1 an meinem verbeulten orangfarbenen Käfer vorbeigelaufen ist. Das habe ich aus dem Fenster beobachtet und das war einfach was besonderes.“

Eine weitere historische Situation erlebte Norbert Brenner im Vorfeld der EM mit: Die Uni wurde für diesen Zeitraum als Unterbringung für die ausländischen Mannschaften genutzt. Die Gast-Delegation aus der DDR hatte sich zur Besichtigung im Vorfeld angekündigt: „Der Generalsekretär und der Cheftrainer kamen und haben sich alles angeschaut. Beim Spargelessen abends ist der erste Länderkampf BRD gegen DDR zwischen den Generalsekretären auf den Weg gebracht worden. Und ich saß am Katzentisch und war live dabei!“

Auch wenn von der EM bis heute geschwärmt wird – finanziell war es aus WLV-Sicht weniger ertragreich. Es hat einige Jahre gedauert, bis der Minusbetrag wieder ausgeglichen werden konnte. Der internationale Imagegewinn für den Standort Stuttgart mit dem Neckarstadion und der Hanns-Martin-Schleyerhalle sowie für den WLV als Organisator war aber sehr nachhaltig, da bereits 1991 die WM 1993 an den DLV mit Stuttgart und dem WLV vergeben wurde.

Dr. Gerhard Lang - Erster Bürgermeister a.D. der Landeshauptstadt Stuttgart

„Ich habe meinen Dienst als Bürgermeister für Sport und Verwaltung der Stadt Stuttgart am 1.1.1980 angetreten. Frisch im Amt kündigte mir mein Vorgänger an, dass mich eine der ersten Reisen gleich nach Paris führen würde. Beim Europäischen Leichtathletik-Verband sollte ich zusammen mit Oberbürgermeister Manfred Rommel unser Konzept für die Ausrichtung der Leichtathletik-EM 1984 vorstellen, das war natürlich gleich eine große Sache. Vor Ort lernten wir im Vorzimmer die finnischen Kollegen kennen, welche damals für die Präsentation der ersten Leichtathletik-WM 1983 in Helsinki angereist waren.“

Deutschlands erste Farb-Video-Tafel fürs Neckarstadion

„Dort war ich dann auch vor Ort, um die Ausrichtung dort zu beobachten und für unsere Meisterschaften ein Jahr später Werbung zu machen. Dabei ist mir die große Farb-Videoleinwand aufgefallen, die die Finnen im Stadion hängen hatten und ich habe gedacht: So was brauchen wir auch!“ Ein Kollege hat die Tafel dann mit Mühe finanziert bekommen und tatsächlich hatten wir dann als erstes deutsches Stadion so eine riesige Farb-Videotafel im Neckarstadion hängen! Das war damals schon etwas Tolles und ist auch dem OB Rommel zu verdanken, der die Anschaffung der Videotafel mitgetragen hat.

Diese Neuerung hat sicher auch das Stuttgarter Publikum beflügelt. Dennoch muss man sagen: die Zuschauerinnen und Zuschauer, die waren für uns damals die nächste große Überraschung. Man hatte sich in Stuttgart nicht vorstellen können, wie so eine große Veranstaltung angenommen werden würde. Bis dahin hatte die Stadt sich in Sachen Sport vor allem in der Vereinsförderung engagiert. Das sportliche Engagement über die Ausrichtung einer internationalen Meisterschaft den Bürgern näherzubringen, das war etwas Neues. Umso toller war es, dass die Veranstaltung unglaublich positiv in der Bevölkerung ankam. Der Ruf von Stuttgart als Sportstadt rührt wohl von diesem Ereignis.“

La-Ola oder „Schwabenwelle“

Neben der Videotafel hat sich im Rahmen der EM eine weitere Neuheit von Anfang der 80er Jahre etabliert, die heute von großen Sportveranstaltungen nicht mehr wegzudenken ist: die La Ola-Welle. Wo genau diese erfunden wurde, dazu gibt es verschiedene Angaben. In Stuttgart jedenfalls war es eine der ersten großen Zuschauer-Wellen, die sogenannte ‚Schwabenwelle‘, die durchs volle Stadion rollte und die auch IOC-Präsident Juan Antonio Samaranch mitriss.

„Beeindruckt von dieser Begeisterungsfähigkeit des Stuttgarter Publikums gab es vom Internationalen Olympischen Komitee sogar eine Auszeichnung für diese einzigartige Veranstaltung, nämlich den ‚Olympic Cup‘ für unseren aktiven Beitrag zur Entwicklung des Olympischen Gedankens.“

„Be happy and pay the deficit”

„Auch von den Vorbereitungen der Leichtathletik-Weltmeisterschaften 1993 gibt es eine nette Anekdote zu erzählen: IAAF-Präsident Primo Nebiolo war zum Empfang im Schlossgartenhotel geladen. Manfred Rommel, der die Finanzen immer im Blick hatte, äußerte ihm gegenüber, dass die Veranstaltung ja schon ganz schön viel Geld kostete. Nebiolo konterte trocken: „Be happy and pay the deficit.“ Diese Aussage wurde zum geflügelten Wort im Stuttgarter Rathaus, wann immer es um Finanzen ging.
Im Rahmen der EM gab es zahlreiche Empfänge, aus denen dann auch Bemühungen um weitere Sportveranstaltungen entstanden, beispielsweise die Olympia-Bewerbung. Für Absprachen hinsichtlich dieser reiste ich mit Manfred Rommel nach Genf, zu IOC-Präsident Juan Antonio Samaranch. Seine Aussage dazu: „Why not?“ Auch dieser Satz blieb in guter Erinnerung und etablierte sich als Spruch in Stuttgart.

Aus der Bewerbung wurde dennoch nichts – aufgrund der politischen Lage zogen die Stuttgarter ihre Bewerbung im Verfahren zurück. Dennoch ist etwas geblieben: Das im Zuge der Olympia-Bewerbung gegründete Regional-Büro war die erste Vertretung aller Regionen in der Umgebung, aus dem dann die Region Stuttgart herauswuchs. Sport legte also auch hier den Grundstein für ein gesellschaftliches Zusammenwachsen.“


Zur Person: Gerhard Lang wurde 1931 in Rottenburg/Neckar geboren, 1951 Abitur am Albertus-Magnus-Gymnasium in Rottweil, Jurastudium in Heidelberg, Freiburg, Zürich, Tübingen mit Abschluss in Freiburg.
1960-1961 Assessor/Rechtsanwalt in Rottweil, 1962-1967 Hilfs-/Richter an den Landgerichten Hechingen und Rottweil, 1964 Landsgerichtsrat in Rottweil. 1962 Promotion.
Mitglied des Gemeinderates der Stadt Rottweil von Ende 1965 bis Ende 1970, 1967-1970 Parlamentarischer Berater der SPD-Landtagsfraktion von Baden-Württemberg. 1970-1980 Ministerialrat, ab 1975 als Leitender Ministerialrat im Innenministerium Baden-Württemberg.
1980-1996 Bürgermeister, ab 01.01.1993 Erster Bürgermeister der Landeshauptstadt Stuttgart, seit 01.05.1996 im Ruhestand.


Marathonlauf der Männer

Bewegte Bilder von der Leichtathletik-Europameisterschafte 1986: der Marathonlauf der Männer. Reporter auf dem Motorrad ist im übrigen Michael Schlicksupp, heute Vizepräsident Jugend des Badischen Leichtathletik-Verbandes