Drei WLV-Olympioniken, die für Schlagzeilen sorgten
  17.02.2021 •     WLV , Top-News WLV , 70 Jahre WLV


70 Jahre WLV - heute geht es nochmals zurück in die Anfangsjahre des Württembergischen Leichtathletik-Verbandes. Wir stellen drei Olympiateilnehmer des WLV vor, die zu ihrer Zeit für Furore sorgten: Sepp Hipp aus Balingen, Teilnehmer an den Olympischen Spielen 1952 in Helsinki im Zehnkampf und im Diskuswurf, Karin Reichert-Frisch, 1964 in Tokio noch unter ihrem Mädchennamen Frisch in der 4x100 Meter-Staffel des DLV dabei und 1968 in Mexico-City über 100 Meter und 80 Meter Hürden am Start sowie Willi Maier, Hindernisläufer aus Genkingen, der bei den Olympischen Spielen 1972 in München und 1976 in Montreal das deutsche Trikot trug.

Sepp Hipp – Naturbursche von der Schwäbischen Alb

Er war schon ein ganz besonderer Athlet seiner Zeit. Sepp Hipp, der Naturbursche von der Schwäbischen Alb, hatte zu Beginn seiner Sportlerlaufbahn zunächst Fußball gespielt in seiner Heimatgemeinde Fridingen (Donau) und war als Stopper durch seine Härte und durch seine Bombenabschläge weit und breit bekannt und gefürchtet.

Es war reiner Zufall, der Hipp im August 1946 auf ein Leichtathletik-Sportfest führte: 40 Meter mit dem Diskus und 13,50 Meter mit der Kugel waren zur damaligen Zeit für die Leichtathletik-Experten kaum nachvollziehbar. Auch die Fachwelt wurde auf Hipp aufmerksam und sein Weg führte im Februar 1948 zu den inzwischen bekannten Leichtathleten der TSG Balingen.

In seiner Wahlheimat Balingen ging es bei dem hochveranlagten Sportler rasch aufwärts. Die erfolgreiche Balinger Trainerlegende Wilhelm Jäger ließ Sepp Hipp nicht mehr aus seinen Fittichen. Es kostete viel Mühe, den Naturburschen von seinen Feld-, Wald- und Wiesentechniken abzubringen. Was letztlich herauskam brachte Hipp sportlichen Lohn und Anerkennung für seine großartigen Erfolge.

Bei den Olympischen Spielen 1952 in Helsinki belegte Hipp im Zehnkampf einen hervorragenden fünften Platz. Er errang 14 württembergische Meistertitel, wurde viermal Süddeutscher und sechsmal deutscher Meister. Bei neun DLV-Länderkämpfen hatte der „Balinger Herkules“ von 1951 bis 1955 insgesamt 20 Einsätze.

1953 machte ihm eine Beinverletzung zu schaffen und nur dem resoluten Eingreifen des Freiburger Professors Dr. Reindell war es zu verdanken, dass sein Bein nicht amputiert werden musste. Die Träume von künftigen Zehnkämpfen waren aber für immer ausgeträumt. Trotz minimalem Trainingsaufwand war Hipp aber bis zum Ende der 50er Jahre immer noch im Kugelstoßen und im Diskuswurf erfolgreich und schlug bei den Süddeutschen Meisterschaften 1958 in Sankt Georgen fast die gesamte deutsche Spitzenklasse.

Völlig überraschend verstarb Sepp Hipp am 20. Januar 1959 in seinem Heim, als er ein Fenster öffnen wollte, im Alter von nur 32 Jahren. Am darauffolgenden Freitagnachmittag nahm die Bevölkerung Balingens, die Sportler der TSG und zahlreiche Trauernde aus Nah und Fern Abschied von Sepp Hipp. Am Grabe würdigte Amtsgerichtsrat Eberhard Eiche im Auftrag des Württembergischen Leichtathletikverbandes den Verstorbenen als einen hervorragenden Sportsmann, einen guten Kameraden und ein Vorbild der Jugend. Oberpostrat Alfred Jetter sprach Dankesworte des Deutschen Leichtathletikverbandes.

Welche Wertschätzung Sepp Hipp erlangte, war daran zu erkennen, dass in den 1960er Jahren mehrere Sepp-Hipp-Gedächtnis-Wettkämpfe mit zahlreichen deutschen Spitzenathleten wie zum Beispiel der Sprinterin Jutta Heine, Staffel-Silbermedaillengewinnerin 1960 in Rom, stattfanden. In seiner Heimatstadt Fridingen wurde die Sporthalle nach seinem Namen benannt und zu Ehren des Ausnahmeathleten wurde 2004 auf dem Friedhof in Balingen ein Gedenkstein aufgestellt.

Bei seinen Leichtathleten am Alb-Rand ist der Zehnkämpfer Sepp Hipp als vorbildlicher Sportsmann in Erinnerung geblieben.

Eine ausführliche Biografie von Sepp Hipp findet sich auf der Seite des TV Fridingen

Martin Schuler, Weilstetten


Karin Reichert-Frisch

Noch heute kommt die einstige Weltklasse-Sprinterin über 100 Meter und 80 Meter-Hürden - zunächst im Trikot der Stuttgarter Kickers, später im grünen Dress von Salamander Kornwestheim - ins Schwärmen, wenn das Stichwort Olympia fällt. Karin Reichert-Frisch hatte sich sogar gleich zweimal den Traum eines jeden Hochleistungssportlers erfüllen können, nämlich die Teilnahme an den Olympischen Sommerspielen 1964 in Tokio und 1968 in Mexiko-City. „Es war einfach grandios, dass ich das erleben durfte und dazu noch auf diesen so ganz unterschiedlichen Erdteilen Asien und Mittelamerika“, sagt sie.

1964 in Tokio wurde Karin Reichert-Frisch mit der bundesdeutschen 4x100-Meter-Staffel Fünfte im Finallauf. Zwei Jahre später gewann sie bei den Europameisterschaften im ungarischen Budapest Bronze über 100 Meter und jeweils Silber im 80-Meter-Hürdenlauf sowie über 4x100 Meter und wurde zur Sportlerin des Jahres gewählt, punktgleich mit der Weitspringerin Helga Hofmann. Weitere zwei Jahre später war dann eigentlich ihr sportlicher Höhepunkt bei den Spielen 1968 in Mexiko-City geplant. Doch dann das: „Ich war in Bestform, habe mir aber im Trainingslager in Arizona einen Muskelfaserriss zugezogen, der mich weit zurückwarf“, erzählt die ehemalige Olympionikin, die anschließend über die 100 Meter bereits im Vorentscheidungslauf ausschied.

„Das schmerzt mich heute noch“, sagt die Mutter einer Tochter und Großmutter von vier Enkeln, die daneben auch auf viele positive Erlebnisse zurückblicken kann. „Die emotionalen Einmärsche in die Stadien bei der Eröffnungsfeier gingen mir unter die Haut und erfüllten mich mit großem Stolz. Schon die Einkleidung der Olympia-Mannschaft war aufregend“, erzählt Karin Reichert-Frisch, ebenso das Leben im Olympischen Dorf mit seiner eigenen, lockeren und freundlichen Atmosphäre. In Mexiko-City trat das Team als gesamtdeutsche Mannschaft an, jedoch waren die Athletinnen und Athleten aus der ehemaligen DDR mit einem Kontaktverbot zu ihren Kollegen aus dem Westen Deutschlands belegt.

Umso ungezwungener war der Austausch mit den anderen ausländischen Teilnehmern. Noch heute freut sich Karin Reichert-Frisch über den Trikot- und Sprinthosen-Tausch mit der damals schnellsten Frau der Welt, der Amerikanerin Wyomia Tyus. Sie erinnert sich an die besondere Gastfreundlichkeit der Japaner, die sogar auf offener Straße, wenn man sie als Deutsche erkannt hatte, Kinderlieder wie zum Beispiel „Alle meine Entchen“ oder „Hänschen klein“ anstimmten. Oder auch die Schlussfeier in Mexiko-City, „wo wir vor Rührung alle wie Schlosshunde heulen mussten“. Insgesamt, so stellt die ehemalige Kickers-Leichtathletin fest, sind bei ihr die Erinnerungen an die Mexiko-Spiele weitaus präsenter geblieben. Nicht nur eine beeindruckende Demonstration für Gleichberechtigung der Schwarzen in den USA mit nach oben gereckten Fäusten während der Siegerehrung nach dem 200-Meter-Lauf durch den Goldmedaillengewinner Tommie Smith und den Dritten John Carlos, sondern auch den sensationellen 8,90-Meter-Jahrhundert-Sprung von Bob Bea-mon, den sie live miterlebte. Unvergessen bleibt für sie ebenso der spektakuläre Hochsprungwettbewerb, den Dick Fosbory (USA) gewann – und zwar mit der neuen und später nach ihm benannten Flop-Technik, bei welcher er die Hochsprung-Latte rückwärts überquerte.

Karin Reichert-Frisch nutzte ihren Mexiko-Aufenthalt, als die Wettkämpfe für sie zu Ende waren, auch zu einem Trip hinaus aus der Millionen-Metropole, um ein wenig Land und Leute kennenzulernen. So versuchte sie mit einer Gruppe den Popocatepetl zu besteigen, den mit 5462 Metern zweithöchsten Berg Mexikos. Sie kam immerhin bis zur Schneegrenze und trampte auch ein paar Tage mit ihrem Mann durch Mexiko.

Heute pflegt Karin Reichert-Frisch indes nur noch wenige Kontakte zu deutschen Olympioniken früherer Jahre, vorwiegend bei fest vereinbarten Zusammenkünften mit früheren Top-Athletinnen aus der Nationalmannschaft. Lang anhaltende Brieffreundschaften seien wegen der zu großen Entfernungen und den unterschiedlichen sportlichen und beruflichen Entwicklungen nicht möglich gewesen. Aber das „olympische Feuer“ bricht bei ihr bei Fernsehübertragungen von Olympischen Spielen immer wieder aufs Neue aus. „Ich lebe die Sprint-Wettbewerbe emotional immer noch intensiv mit und habe manchmal das Gefühl, noch selbst im Startblock zu sitzen“, sagt sie.

Norbert Laske, Stuttgart


Ein Sportler wie die Natur, in der er lebt: zäh, ausdauernd, zuverlässig, engagiert. Der Sport hat Hindernisläufer Willi Maier von der Schwäbischen Alb bis heute nicht losgelassen. Noch immer geht er zu Leichtathletik-Sportfesten ins Stadion, aktiv ist er inzwischen auf dem Golfplatz und der Skipiste. Seine Zeit als erfolgreicher Läufer war in den 70er Jahren. In denen der Mann aus Genkingen (bei Reutlingen) in seinem erfolgreichsten Jahr 1973 dreimal deutscher Meister über die 3.000 Meter Hindernis, 3.000 Meter in der Halle und im Waldlauf wurde. Seine Bestzeit von 8:22,46 Minuten könnte sich auch heute noch sehen lassen. Maier trug das Trikot des TSV Genkingen, Salamander Kornwestheim und des ASC Darmstadt.

Zweimal vertrat Maier Deutschland bei den Olympischen Spielen in München (1972) und in Montreal (1976). In München verpasste er als Vorlauf-Vierter nur um einen Platz das Finale. „Wir sind damals gelaufen, um voller Stolz das Nationaltrikot zu tragen“, sagt der inzwischen 72-Jährige, „heute laufen sie, um schnell zu verdienen“. Dennoch spricht Maier über seine Zeit im Leistungssport sehr positiv, auch wenn die Bedingungen ungleich schwieriger waren als heute. Inspiriert hat ihn damals die Läufergarde um Harald Norpoth, Franz-Joseph Kemper und Bodo Tümmler. 

Morgens Training schon um 6:30 Uhr, danach die Arbeit im schwiegerelterlichen Steinbruchbetrieb, nicht selten nachts die zweite Trainingseinheit. Maier hat die Weite der Schwäbischen Alb für sein intensives Ausdauertraining genutzt. Und um auch Tempotraining durchzuführen, bauten sie selber eine Aschenbahn beim Genkinger Sportplatz als „Korbbogenbahn“ mit kleinerem Radius. Die Platten zur Abgrenzung haben sie selber betoniert. Auch einen Hindernisbalken hat er selber gebaut. Maiers Frau Marianne hat ihm den Rücken freigehalten, war ein Vierteljahrhundert Abteilungsleiterin im TSV Genkingen und hat die sportliche Laufbahn ihres Mannes organisiert.   

„Die Olympischen Spiele von München waren einfach sensationell“, erinnert er sich. Das Flair im Stadion, in der Stadt, das Olympiafieber, die unbeschwerten Spiele – „da bekomme ich heute noch eine Gänsehaut“. Doch dann musste auch er im Olympischen Dorf den Überfall auf die israelische Mannschaft aus nächster Nähe mit ansehen. Er hat vom Balkon seiner Unterkunft die Scharfschützen gesehen, „plötzlich ist die Stimmung gekippt“.

Eine Vielzahl von Rennen absolvierte er in Skandinavien („Da habe ich mich wohl gefühlt wie auf der Alb“). Einer seiner Höhepunkte war der Länderkampf Deutschland-USA vor 40.000 Zuschauern in München, wo er siegte und Deutschen Rekord lief. Nach einer eindrucksvollen Karriere ging er 1984 mit 36 Jahren von der Bahn, um sich anschließend ein Jahrzehnt als Trainer im WLV und im TSV Genkingen einzubringen.

Maier formte Hürdenläuferin Gudrun Abt zu einer Weltklasse-Athletin, deren sechsten Platz (54,04 Sekunden) und Platz vier in der Staffel er bei seinen dritten Olympischen Spielen in Seoul erlebte. Abt hatte er aus einer Kooperation Schule-Verein in Zweifalten entdeckt und brachte auch hier Läuferin und Land zusammen. Abt fand familiären Abschluss im Hause Maier. Geht man in diesem Haus ins Erdgeschoss, steckt man zwischen Pokalen, Urkunden und Medaillen mitten in einer leichtathletischen Zeitreise.

Seine Passion für den Sport hat Willi Maier auf den Golfsport übertragen. In seinem zweiten Wohnsitz St. Moritz ist er zusammen mit seinem Sohn Michael längst als ehrenamtlicher Helfer (Voluntari) bei Ski-WM und Weltcups im Einsatz. Da steht er bei der Pistenpräparierung, Absperrung usw. am Streckenrand und ist begeistert, wenn die Skistars an ihm vorbeirauschen.

Ein beeindruckender Sportler, dieser Willi Maier. Ein Mann wie die Alb.     

Ewald Walker, Pliezhausen