Per E-Mail ins Elite-Rennen
"Hi, I was wondering if it would be possible to get entry into the Elite Mile at the WGV Leichtathletik-Festival..." Als die Vorbereitungen für das WGV Leichtathletik-Festival liefen, erreichte den WLV eine ungewöhnliche Nachricht. Miles Smith, US-Mittelstreckenläufer mit einer Bestzeit von unter vier Minuten über die Meile, hatte von dem neuen Event erfahren und fragte an, ob ein Start im Elite-Rennen möglich sei.
Wenige Wochen später ist klar: Er wird Teil des hochklassig besetzten Starterfelds sein. Während seines Forschungsaufenthalts an einem Max-Planck-Institut in Stuttgart nutzt Smith die Gelegenheit, mitten im Herzen der Landeshauptstadt gegen starke internationale Konkurrenz anzutreten.
Miles, wie hast du vom WGV Leichtathletik-Festival erfahren und warum hast du uns damals die E-Mail geschrieben?
Als feststand, dass ich den Sommer in Stuttgart verbringen würde, wollte ich mir einen kleinen Wettkampfkalender für diese Zeit zusammenstellen. Es war schon immer ein Traum von mir, einmal in Europa Rennen zu laufen. Deshalb habe ich nach Wettkämpfen in ganz Europa gesucht. Am meisten begeistert hat mich aber die Vorstellung, in meiner Gaststadt an den Start zu gehen. So bin ich im World-Athletics-Kalender auf das WGV Leichtathletik-Festival aufmerksam geworden.
Du verbringst den Sommer als Doktorand an einem Max-Planck-Institut in Stuttgart. Was führt dich hierher und woran forschst du?
Ich bin derzeit als Forschungspraktikant am Max-Planck-Institut für Intelligente Systeme tätig und arbeite in der Forschungsgruppe „Neuromechanics of Movement“ unter der Leitung von Dr. Janneke Schwaner.
Mein Forschungsinteresse liegt allgemein darin zu verstehen, wie das Nervensystem Bewegung erzeugt und wie sich diese Erkenntnisse nutzen lassen, um bessere technische Systeme zu entwickeln. Während meines Aufenthalts in Stuttgart beschäftige ich mich mit Simulationsmethoden, um die Mechanismen zu untersuchen, die Perlhühnern das Gehen ermöglichen. Perlhühner sind besonders als Modell geeignet, da die Muskulatur ihrer Beine überraschend viele Gemeinsamkeiten mit der des Menschen aufweist.
Kannst du denjenigen, die dich noch nicht kennen, etwas über deinen sportlichen Hintergrund erzählen?
Vor meinem Doktorstudium war ich Teil des NCAA-Systems, dem wichtigsten Hochschulsportsystem der USA. Während meines Bachelorstudiums startete ich für die University of Maryland, Baltimore County, später während meines Masterstudiums für die Stanford University.
Nach dem Ende meiner College-Laufbahn wollte ich weiterhin Mittelstrecken laufen und schloss mich dem Peninsula Distance Club im Großraum San Francisco an. Dort verlagerte sich mein Fokus von den 800 Metern, meiner Hauptdisziplin im College, auf die 1.500 Meter und die Meile.
Seit Beginn meines Doktorstudiums in Cambridge, Massachusetts, trainiere ich außerdem beim Tortoise Track Club. Der Verein wurde von einem Freund gegründet und verbindet die Laufgemeinschaft des MIT mit der breiteren Laufszene in Boston. Es war großartig zu sehen, wie sich der Club in den vergangenen drei Jahren entwickelt hat.
Auch wenn ein Promotionsstudium manchmal sehr fordernd sein kann, bin ich besonders stolz darauf, dass alle meine persönlichen Bestleistungen erst nach meiner College-Zeit entstanden sind. Aktuell stehen für mich 1:48 Minuten über 800 Meter, 3:42 Minuten über 1.500 Meter und 3:59 Minuten über die Meile zu Buche.
Hast du schon einmal an einem Innenstadt-Event wie dem WGV Leichtathletik-Festival teilgenommen? Worauf freust du dich auf dem Stuttgarter Marktplatz?
Das einzige vergleichbare Event, an dem ich bisher teilgenommen habe, ist die Boston Athletics Association Road Mile. Dieser Lauf findet jedes Jahr am Samstag vor dem Boston-Marathon mitten in der Innenstadt von Boston statt.
Meine Erfahrung ist, dass solche Veranstaltungen in der Stadt immer eine großartige Atmosphäre haben. Die Zuschauerinnen und Zuschauer sind sehr nah dran, die Energie ist fast greifbar und dadurch entsteht eine besondere Stimmung, die den Wettkampf für alle Beteiligten spannend macht.
Wie gelingt es dir, Spitzenleistungen im Sport und wissenschaftliche Forschung miteinander zu verbinden?
Das ist manchmal durchaus herausfordernd, weil ich in beiden Bereichen mein Bestes geben möchte. Gleichzeitig gibt es viele Überschneidungen: Mein Forschungsschwerpunkt liegt in der neuromuskulären Biomechanik, sodass viele Themen, mit denen ich mich wissenschaftlich beschäftige, auch direkt mit dem Sport zu tun haben.
Außerdem ergänzen sich beide Bereiche gut und schaffen eine Balance in meinem Alltag. Ich sage mir oft, dass ich jeden Tag mindestens eine Stunde für mich selbst investieren kann. Und glücklicherweise kann man mit einer Stunde Training pro Tag in der Leichtathletik schon ziemlich weit kommen.
Mit welchen Zielen gehst du am 21. Juni ins Elite-Rennen?
Meine besten Rennen laufe ich meistens dann, wenn ich mich voll darauf konzentriere, gegen die anderen Athleten im Feld zu bestehen. Natürlich würde ich gerne um die Preisgelder mitkämpfen. Mein Hauptziel ist aber, ein starkes Rennen zu laufen, meine Taktik gut umzusetzen und mich während des gesamten Rennens in einer konkurrenzfähigen Position zu halten.
Warum sollten die Menschen zum WGV Leichtathletik-Festival kommen?
Leichtathletik ist ehrlich gesagt mein Lieblingssport, weil sich jeder Wettkampf wie ein kleines Theaterstück entwickelt. Man weiß nie genau, was passieren wird, und genau das macht die Wettbewerbe so spannend.
Als Mittelstreckenläufer war ich außerdem schon immer ein großer Fan der Wurfdisziplinen. Deshalb freue ich mich besonders darauf, auch das Kugelstoß-Meeting zu verfolgen.
Dass das Festival mitten in der Stadt stattfindet, macht es zudem besonders einfach, mit den Athletinnen und Athleten ins Gespräch zu kommen. Die Atmosphäre ist deutlich persönlicher als in einem großen Stadion. Meine Erfahrung ist: Sowohl Läuferinnen und Läufer als auch Werferinnen und Werfer sind sehr offene und zugängliche Menschen.
Vielen Dank, lieber Miles! Wir freuen uns sehr darauf, dich am Sonntag beim WGV Leichtathletik-Festival zu sehen!