Helmut Digel: „WLV hat gute Arbeit geleistet“
  03.03.2021 •     WLV , Top-News WLV , 70 Jahre WLV


DLV-Ehrenpräsident Helmut Digel, dessen sportlichen Laufbahn als Handballer beim SV Möhringen begann, hat sich in Verbindung mit dem 70.Geburtstag des Württembergischen Leichtathletik-Verbands (WLV) in einem Interview mit WLV-Mitarbeiter Ewald Walker zur allgemeinen Situation der Verbände, aber auch im Zusammenhang zur Corona-Pandemie, geäußert.

Herr Professor Digel, wie ist die Entwicklung der Sportfachverbände insgesamt bzw. DLV und WLV in den letzten Jahrzehnten im Besonderen zu sehen?

Im Rückblick auf die vergangenen Jahrzehnte können die meisten Sportverbände auf eine äußerst erfolgreiche Entwicklung blicken. Nach einem Siegeszug des Sports im 20. Jahrhundert ist es fast allen Sportverbänden gelungen, ihre Mitgliederstrukturen zu konsolidieren. Nur wenige haben einen Mitgliederschwund zu beklagen. Auch die wirtschaftliche Situation fast alle Sportfachverbände war und ist bis heute stabil. Die ehrenamtlichen Leistungen in den Sportorganisationen sind bemerkenswert, wenngleich in einigen Verbänden die Rekrutierung neuer ehrenamtlicher Mitarbeiter Schwierigkeiten bereitet.

Welche Probleme hat die Corona-Pandemie dem Sport und den Sportverbänden "beschert"?

Der Sport als ein kulturell äußerst bedeutsames Teilsystem unserer Gesellschaft wurde und wird durch die Corona-Pandemie großen Gefahren ausgesetzt. Der Schaden, der dem Schulsport zugefügt wurde, ist meines Erachtens weder zu akzeptieren noch zu kompensieren. Bei allen gesundheitspolitischen Maßnahmen sollte der Prävention höchste Aufmerksamkeit zukommen. Das aktive Sporttreiben ist dabei ohne Zweifel systemrelevant. Das menschliche Immunsystem kann durch aktives Sporttreiben erheblich gestärkt werden. Die „Lockdown“- Maßnahmen gegenüber dem aktiven Sport Waren und sind deshalb weder verhältnismäßig noch sinnvoll. Sie sollten deshalb in der weiteren Bekämpfung der Pandemie möglichst vermieden werden.

Der Kern des Sportbetriebs, die Trainingsabende und die Wettkämpfe all jener Menschen, die Sport im Verein ohne ökonomische Interessen betreiben, ist in den letzten Monaten nahezu völlig zum Erliegen gekommen. Die für das Gemeinwohl äußerst wichtigen sozialen Leistungen der Sportvereine konnten nicht erbracht werden. Einige Verbände beklagen bereits eine Mitgliederschwund. Auch die Motivation zum Ehrenamt wurde dadurch beeinträchtigt. Der allgemeine Motivationsverlust ist erheblich. Der Verein als heimatlicher Ort kann seine wichtigen Leistungen zu Gunsten des Gemeindelebens nur noch bedingt erbringen. Für manches sportliche Talent wurden und werden auch seine Entwicklungsperspektiven infrage gestellt. Insgesamt wurde die gesellschaftliche Bedeutung des Sports durch die Corona Pandemie in erheblicher Weise beeinträchtigt.

Worin besteht der Wert der Fachverbände in der gegenwärtigen Zeit?

In grundsätzlicher Weise ist die gesellschaftliche Bedeutung der Sportfachverbände nach wie vor gegeben. Doch muss sie in der Zeit einer gefährlichen Gesundheitskrise intensiver verteidigt werden als dies jemals zuvor der Fall war. Legitimationsarbeit ist gefordert. Die Vertretung der eigenen politischen Interessen gegenüber den Entscheidungsgremien der Corona-Pandemie ist zu stärken. Devote Unterwürfigkeit ist dabei nicht angebracht. Vielmehr bedarf es guter Argumente und einer klugen Kommunikation, um die eigenen Interessen erfolgreicher durchzusetzen als dies in der Vergangenheit der Fall war.

Wie steht es um die Zukunftsfähigkeit der Verbände?

Auch ohne die Corona Pandemie wären große Anstrengungen erforderlich gewesen um die Zukunftsfähigkeit der Sportorganisationen abzusichern. In der öffentlichen Wahrnehmung hat das Jahr 2020 dafür gesorgt, dass es die Wettkampfsportart Leichtathletik so gut wie nicht mehr gibt. Das hat zunächst mit der Corona-Pandemie zu tun. Doch blicken wir mehrere Jahre zurück, so muss man erkennen, dass es in „World Athletics“, der Weltorganisation der Leichtathletik so gut wie keine Innovationen gibt. Der Wettkampfkalender stagniert und die Wettkämpfe selbst hatten auch bereits vor der Pandemie große Probleme aufzuweisen. Die Sportart Leichtathletik verlor weltweit immer mehr Zuschauer und vor allem weist sie einen Verlust in ihrer Medienpräsenz auf. Dies hat auch Auswirkungen auf die Entwicklung der nationalen Leichtathletik. Es ist jedoch ein Glücksfall, dass sich der WLV innerhalb des DLV in den letzten Jahren durch gute Arbeit auszeichnete, Modellcharakter hatte und neue Ideen zur Entwicklung der Leichtathletik für Kinder und Jugendliche beisteuerte.

Welche Veränderungen/Anpassungen sind dennoch erforderlich?

Die Leichtathletik mit ihren sie kennzeichnenden besonderen Merkmalen kann sich durchaus auch in einer sich ständig verändernden Gesellschaft bewähren. Globalisierung und Digitalisierung, Internet und soziale Medien haben dabei nicht nur unser aller Kommunikationsverhalten und unsere Konsumgewohnheiten beeinflusst. Insbesondere das Freizeitverhalten von Kindern und Jugendlichen hat sich in den letzten Jahrzehnten entscheidend verändert. In einem „Supermarkt der Möglichkeiten“ stehen den Kindern und Jugendlichen dabei eine Vielfalt an Angeboten gegenüber, bei denen die Leichtathletik nur eines unter tausenden ist. Auch das Sportangebot selbst hat sich intensiv vervielfältigt, und die Leichtathletik steht in Konkurrenz mit mehr als 100 verschiedenen Sportaktivitäten und Sportarten. Hinzugekommen ist ein E-Sportangebot das für viele Kinder und Jugendliche immer attraktiver wird. Will sich die Leichtathletik in diesem „Supermarkt der Möglichkeiten“ bewähren so bedarf es einer gelungenen Kommunikation mit den Zielgruppen, innovativer Angebote und vor allem eines sehr gut ausgebildeten Betreuungspersonals.

Wird es ein Jubiläum „100 Jahre WLV“ geben können?

Die Möglichkeit eines 100-jährigen Jubiläums kommt nicht von selbst. Sie muss erarbeitet werden. Aus der Sicht von heute ist ein Zeitraum von 30 Jahren kaum vorhersehbar. Die Schönheit der Leichtathletik und die vielfältigen und intensiven Erfahrungen und Erlebnisse, die diese Sportart bietet, müssen bereits heute für die nächste Generation gesichert werden. Gelingt dies, dann braucht man sich um die Zukunft der Leichtathletik kaum noch Sorgen zu machen.


Zur Person:
Professor Helmut Digel war von 1993 bis 2001 Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbands (DLV), von 1993 bis 2002 Vizepräsident des Nationalen Olympischen Kommitees (NOK) und gehörte von 2007 bis 2015 als Vize-Präsident dem Internationalen Leichtathletik-Verband (IAAF) an. Der gebürtige Aalener lehrte als Sportsoziologe an den Universitäten Frankfurt/Main, Darmstadt und Tübingen und veröffentlichte zahlreiche Publikationen zum Leistungssport. Als DLV-Präsident schlug Digel 2000 vor, die Doping-belasteten Rekordlisten zu streichen und neue Rekordlisten zu führen.